
Ein Monat ist vergangen, seit sich Spanien zum Weltmeister gekrönt hat. Seit dem WM-Final ist in der Fussball-Welt einiges geschehen. Die Pläne von Gianni Infantino, einen Teil der Rechte für die Weltmeisterschaft an private Investoren zu verkaufen, sind an die Öffentlichkeit durchgesickert. Nach heftiger Kritik verschiedener Kontinentalverbände, darunter der Uefa, musste der Fifa-Präsident sein für den Weltfussball desaströses Vorhaben bereits wieder begraben. Derweil ging mit dem Afrika-Cup der Frauen das nächste grosse internationale Turnier über die Bühne. Inzwischen haben auch einige europäischen Länder ihren Ligabetrieb wieder aufgenommen, darunter die Schweiz.
Vor diesem Hintergrund scheint ein Bericht über die Weltmeisterschaft fehl am Platz und aus der Zeit gefallen. Das mag sein. Doch ich brauchte etwas Abstand, um nach dieser intensiven Zeit meine Gedanken zu sammeln.
Intensiv deshalb, weil ich alle 104 WM-Spiele geschaut habe. Mindestens 9180 Minuten, 153 Stunden, mehr als sechs Tage, die ich vor dem Fernseher, beim Public Viewing oder in Bars verbracht habe. Und das trotz der ungünstigen Anspielzeiten. Aufgrund der Zeitverschiebung zu den Austragungsorten in Nordamerika begannen die frühesten Spiele um 18 Uhr, die spätesten um 6 Uhr Schweizer Zeit.
Schlafmangel, Erschöpfung und ein reduziertes Sozialleben
Um die Spiele mitten in der Nacht nicht zu verpassen, musste ich meinen Schlafrhythmus anpassen. Am Morgen, wenn ich ins Bett ging, war es draussen bereits hell. Dass die WM ausgerechnet in den heissesten Sommer seit Messbeginn fiel, spielte mir nicht in die Karten. Selbst mit einem Ventilator und geschlossenen Storen drang die Tageshitze in mein Zimmer und verhinderte einen erholsamen Schlaf. Wenn ich am frühen Nachmittag nach wenigen Stunden Halbschlaf schweissüberströmt aufwachte, fühlte ich mich wie ein wandelndes Wrack – und sah wohl auch entsprechend aus.
Zu Beginn des Turniers fiel es mir schwer, in der Nacht die Augen offen zu halten. Mit viel Eiskaffee, Mate und hellem Licht liess sich aber auch diese Herausforderung meistern. Spätestens als sich der Iran und Neuseeland um 3 Uhr morgens einen packenden Schlagabtausch lieferten, war ich mir sicher: Das Leiden lohnt sich.

Wer sich nun die berechtigte Frage stellt, ob dieser irre Fussball-Freak eigentlich auch mal arbeiten muss, dem bin ich eine Antwort schuldig. Für die ersten beiden WM-Wochen nahm ich frei. Ja, es waren keine besonders erholsame Ferien. Als es wieder ernst galt, bewältigte ich meinen Schlafmangel mit viel Homeoffice und Mittagsschläfchen. An dieser Stelle ein grosses Dankeschön an meine Kolleginnen und Kollegen, die viel Verständnis für meine chronische Müdigkeit zeigten.
Aus Transparenzgründen sei festzuhalten: Ich habe zwar die meisten, jedoch nicht alle Spiele in Echtzeit verfolgt. Stand ein wichtiges Meeting an, verzichtete ich auf das letzte Gruppenspiel des jeweiligen WM-Tages. Die verpassten Partien holte ich dann später via Replay-Funktion nach – meist während der Pausen zwischen den Spielen. Der grosse Vorteil dabei: Die unsäglichen Hydration Breaks liessen sich per Knopfdruck überspringen.
Als die schier endlose Gruppenphase dann doch zu Ende ging, brachte das etwas Entlastung: Statt vier Spielen pro WM-Tag waren es zunächst nur noch drei, später sogar zwei. Am 8. Juli, also vier Wochen nach dem Auftaktspiel, folgte der erste fussballfreie Tag. Zeit, einmal durchzuatmen.
Über das ganze Turnier hinweg blieb wenig Zeit für private Angelegenheiten. Mein Alltag spielte sich grösstenteils vor dem eigenen Fernseher ab. Wenn ich mich dann doch einmal mit Freunden oder Familie verabredete, war dies stets mit Fussballschauen verbunden. Auch für sportliche Aktivitäten mangelte es an Zeit und Energie. Denn mein ständiger Begleiter während der WM: Erschöpfung pur.
Wie kommt eine Person also auf die Schnapsidee, innerhalb von fünf Wochen sieben ganze Tage Fussball zu schauen?
Eine besondere Verbindung zur WM in den USA
Als Jugendlicher entdeckte ich im Hobbyzimmer eine alte Kiste mit Erinnerungsstücken von der WM 1994 in den USA: Reiseplan, Eintrittskarten, Fanartikel. Mein Vater war damals in die Staaten gereist und erlebte unter anderem, wie Georges Bregy im Spiel gegen den Gastgeber das erste WM-Tor für die Schweiz seit fast drei Jahrzehnten erzielte.
Ein paar Jahre später verstarb mein Vater. Gemeinsame Erinnerungen habe ich keine. Doch, so sentimental das auch klingen mag, die Souvenirs gaben mir ein Gefühl der Verbundenheit mit ihm – und weckten in mir eine Faszination für den Weltfussball. Als im Jahr 2018 bekannt wurde, dass die WM 2026 erneut in den USA stattfindet, war für mich sofort klar: Ich muss dann nach Amerika!
Jahrelang freute ich mich auf diesen Anlass, richtete meine Sommerplanung danach aus. Doch die exorbitanten Ticketpreise durchkreuzten meine Pläne. Also entschied ich mich, den Anlass aus der Ferne so umfassend wie möglich zu verfolgen. Wie liesse sich das besser tun, als alle Spiele zu schauen?
Die Schlagkraft der Weltmeisterschaft
Je näher die WM rückte, desto zahlreicher wurden die negativen Schlagzeilen rund um den Megaevent. Infantino überreichte Donald Trump einen eigens für ihn ins Leben gerufenen Friedenspreis, der mit Fussball genauso wenig zu tun hat wie Trump mit Friedensbemühungen. Der iranischen Nationalmannschaft wurden von den US-Behörden aussergewöhnlich strenge Einreisebestimmungen auferlegt, sodass sie ihr Trainingslager in Mexiko aufschlagen musste, obwohl ihre Spiele in den USA stattfanden. Und einem somalischen Schiedsrichter wurde die Einreise in die USA sogar ganz verweigert. Ähnlich erging es Fans aus Haiti, dem Iran, der Elfenbeinküste und Senegal, die von einem Einreiseverbot betroffen waren.
Es gab genügend legitime Gründe, die WM zu boykottieren. Ich persönlich bin dennoch der Überzeugung, dass sie trotzdem eine unglaubliche Schlagkraft besitzt. Die WM verbindet Menschen rund um den Globus wie kein anderes Ereignis. Sie gibt besonders jenen Menschen, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden, einen seltenen Grund zur Freude. Sie ermöglicht es kleinen Ländern, die in der Geopolitik kaum eine Rolle spielen, für einmal wahrgenommen zu werden. Und: Sie sorgt für unvergessliche Momente.
Aus diesen Gründen habe ich mich dazu entschieden, mein 104-Spiele-Vorhaben dennoch umzusetzen – und mir meine lang anhaltende Euphorie weder vom heuchlerischen Fifa-Präsidenten noch von der diskriminierenden US-Politik nehmen zu lassen. Auch als ich das Eröffnungsspiel während des Sommerfests meines Arbeitgebers auf einer Leinwand platzierte und sich ausser mir kaum eine Seele dafür interessierte, wurde meine Euphorie nicht getrübt. Rückblickend steht für mich fest: Es hat sich ausgezahlt.
Wenn Fussball dem Schicksal trotzt
Ich durfte bewegende Momente einzelner Protagonisten beobachten. Zum Beispiel, als Dick Advocaat nach dem zwischenzeitlichen Ausgleichstreffer gegen Deutschland seine Tränen nicht zurückhalten konnte. Der niederländische Trainer hatte die karibische Insel Curaçao und damit die kleinste Nation, die sich jemals für eine WM-Endrunde qualifiziert hat, auf die grösste Fussballbühne geführt. Wenige Monate vor der WM trat Advocaat dann aber zurück, um sich um seine kranke Tochter zu kümmern. Weil sich deren Gesundheitszustand glücklicherweise verbesserte, kehrte er rechtzeitig zum WM-Auftakt gegen Deutschland zurück – und sah, wie FCZ-Spieler Liviano Comenencia das historische WM-Tor Curaçaos erzielte.
Oder als Aymen Hussein beim 1:4 gegen Norwegen das erste WM-Tor Iraks seit vierzig Jahren schoss. Der Stürmer war mit einem besonders schweren Rucksack in die USA gereist: Sein Vater wurde 2008 bei einem Al-Kaida-Angriff getötet, sein Bruder gilt seit seiner Entführung durch den IS im Jahr 2014 als vermisst. Als sei das nicht schon genug, wartete auf dem Weg zur WM die nächste Belastungsprobe auf ihn: Bei der Einreise in die USA wurde Hussein am Flughafen in Chicago sieben Stunden lang festgehalten und befragt. Mit seinem Treffer trotzte er nicht nur seinem persönlichen Schicksal, sondern erlöste eine ganze Nation.
Für Gänsehaut sorgte auch Orlando Gill. Bei der vorherigen WM in Katar war Gill noch damit beschäftigt, sich um seinen frühgeborenen Sohn zu kümmern. Um die Behandlungskosten zu bezahlen, verkaufte er unter anderem sein U20-Nationaltrikot. Vier Jahre später stand Gill an der WM für Paraguay zwischen den Pfosten – und erlebte den grössten Triumph seiner Karriere. Im Sechzehntelfinal parierte Gill im Elfmeterschiessen zwei Penaltys, avancierte zum Matchwinner und schaffte mit Paraguay gegen Deutschland die Sensation. Ausgerechnet gegen sein Idol Manuel Neuer, dessen Nationalmannschaftskarriere er damit ein für alle Mal beendete.
Die Weltmeisterschaft als Hoffnungsschimmer
Während meines WM-Marathons durfte ich auch beobachten, wie Nationalmannschaften in ihren Ländern etwas auslösten. Das gilt besonders für jene Länder, in denen Krisen und Konflikte zur Tagesordnung gehören.
Der Iran, der sich seit Monaten im Ausnahmezustand befindet, schickte eine geschwächte Equipe nach Nordamerika. Trotz der schwierigen Ausgangslage und der feindseligen Atmosphäre zeigte die iranische Nationalmannschaft eine tapfere Leistung. Mit einem gnädigeren Fussballgott hätten drei Unentschieden, darunter eines gegen Belgien, für den Einzug in die K.o-Phase gereicht. Nichtsdestotrotz wurden die Spieler bei ihrer Ankunft in Teheran von Hunderten Fans herzlich empfangen. Unabhängig davon, ob man die iranische Nationalmannschaft als verlängerten Arm des Regimes betrachtet oder nicht: Ihre mutigen Auftritte an der WM sorgten zu Hause für einen Schimmer Hoffnung.
In Ägypten erhielten die Menschen dank ihrer Nationalmannschaft einen seltenen Anlass, gemeinsam zu feiern. Das Land steckt seit Jahren in einer schweren Wirtschaftskrise. Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung sind auf staatliche Lebensmittelhilfen angewiesen. Ägyptens erster Sieg an einer WM und der Einzug bis ins Achtelfinal – in dem man nur knapp und auch aufgrund von fragwürdigen Schiedsrichterentscheidungen am späteren Finalisten Argentinien scheiterte – lösten im ganzen Land Euphorie aus.

Der charismatische Trainer Hossam Hassan nutzte die Plattform des Erfolgs, um auf das Leiden im Gazastreifen aufmerksam zu machen. Dort organisierte der Ägypter Mohamed Al-Wahidi mitten in den Trümmern sogenannte «watch parties». Die Public Viewings der WM-Spiele waren zu einer willkommenen Ablenkung für die palästinensische Bevölkerung geworden. Diese ist trotz des Waffenstillstands nahezu täglich israelischen Luftangriffen ausgesetzt und befindet sich nach wie vor in einer humanitären Krise. Nur wenige Stunden vor dem Spiel zwischen Argentinien und Ägypten wurde Al-Wahidi von einem israelischen Luftangriff getötet. Den Auftritt seines Heimatlandes erlebte er nicht mehr, doch die von ihm geschaffenen Momente bleiben.
In Haiti wiederum besteht die Hoffnung, dass der erste WM-Auftritt der Nationalmannschaft seit 1974 etwas zum Positiven verändern kann. Bewaffnete Banden kontrollieren weite Teile des Landes, Gewalt und Nahrungsmittelknappheit gehören längst zum Alltag. Vor diesem Hintergrund nutzen lokale Organisationen den Fussball, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und Jugendlichen Perspektiven aufzuzeigen. Auch wenn die Nationalmannschaft das Turnier mit drei Niederlagen beendete, könnte ihre Teilnahme diese Bemühungen entscheidend bestärken.
Kap Verde: Pure Fussballromantik
Und dann war da noch Kap Verde – zweifellos das Highlight dieser WM. Erst das völlig überraschende 0:0 gegen Spanien, dann die hart erkämpften Unentschieden gegen Uruguay und Saudi-Arabien. Das kleine Kap Verde verzückte die Fussballwelt mit attraktivem Offensivfussball – und qualifizierte sich ohne Niederlage (!) als kleinste Nation überhaupt für die K.o.-Phase einer Weltmeisterschaft. Dort wartete der amtierende Weltmeister Argentinien. In einem der spektakulärsten Spiele der WM-Geschichte begegnete der afrikanische Inselstaat Messi & Co. auf Augenhöhe, glich zweimal einen Rückstand aus und verpasste die Sensation nur hauchdünn. Nach der Partie wurden die Spieler im Stadion von wenig Dutzend Fans getröstet. Bei ihrer Rückkehr nach Kap Verde bereiteten ihnen hingegen Tausende einen begeisterten Empfang.
Alle WM-Spiele zum Nachschauen
Wer das Spiel zwischen Argentinien und Kap Verde noch einmal in voller Länge sehen möchte, kann es hier nachschauen. Auf der Plattform Footballia sind übrigens WM-Spiele, die bis ins Jahr 1954 zurückreichen, kostenlos abrufbar.
Lange galt die Sängerin Cesária Évora als bekanntestes Aushängeschild Kap Verdes. Doch plötzlich hatte der Inselstaat eine ganze Reihe neuer Nationalhelden. Etwa Pico Lopes, der sein ganzes Leben in Irland verbracht hatte, über LinkedIn für die kapverdische Nationalmannschaft rekrutiert wurde und sich an der WM als sicherer Rückhalt erwies. Oder Sidny Lopes Cabral, der vor ein paar Jahren noch für den deutschen Fünftligisten Rot Weiss Erfurt spielte und nun gegen Argentinien das Tor der WM schoss.
Den beeindruckendsten Aufstieg erlebte Vozinha. Seine heldenhaften Paraden gegen Spanien machten ihn zum Instagram-Star – inzwischen folgen ihm 30 Millionen Menschen. Jahrelang schlug er sich als Profifussballer durch, arbeitete nebenbei als Elektriker und Busfahrer. Nun winken ihm Sponsorenverträge und ein neuer Vertrag beim chilenischen Verein Colo-Colo. Die WM hat sein Leben im Alter von 40 Jahren komplett verändert.
Kleine Fussballnationen, grosse Träume
Kap Verde und seine Nationalhelden repräsentieren dabei zwei zentrale Aspekte, die diese WM prägten. Einerseits steht der bunt zusammengesetzte Kader – mit Spielern, die in Irland, Frankreich, Portugal, den Niederlanden, den USA oder auf Kap Verde selbst geboren wurden – sinnbildlich für die Vielfalt dieser WM, auch innerhalb einzelner Nationen. Insgesamt ist jeder vierte Spieler in einem anderen Land geboren als jenem, das er an der WM vertrat. In acht der 48 Mannschaften wurden mindestens so viele Spieler im Ausland wie im eigenen Land geboren.
Andererseits steht Kap Verde stellvertretend für kleine Nationen, die dank der WM die Chance erhielten, sich auf der Weltbühne zu präsentieren. Von einer «aufgeblähten WM» war vor Turnierstart die Rede. Viele befürchteten ein zu grosses Leistungsgefälle durch die Aufstockung auf 48 Teams.
Zumindest Letzteres bewahrheitete sich nicht. Von den vier WM-Neulingen qualifizierte sich zwar nur Kap Verde für die K.o.-Runde. Immerhin erkämpfte sich aber Curaçao einen Punkt, Jordanien fand in jedem Spiel das Netz und Usbekistan zeigte sich dem Niveau der WM zumindest phasenweise gewachsen. Neun der zehn Nationen aus Afrika überstanden die Gruppenphase und unterstrichen damit die positive Entwicklung im afrikanischen Fussball, der in Europa oft schlechtgeredet wird. Im Sechzehntelfinal fielen die Entscheidungen denkbar knapp: Mit Ausnahme der Spiele der beiden WM-Favoriten Frankreich und Spanien endeten alle Begegnungen mit weniger als zwei Toren Unterschied.
Ja, am Ende standen mit England, Argentinien, Frankreich und Spanien jene Länder im Halbfinal, die schon vor dem Turnier zu den Topfavoriten gezählt hatten. Doch in Erinnerung bleiben mir von meinem WM-Marathon insbesondere die Geschichten, welche die WM abseits der grossen Fussballnamen schrieb.




